Tizi-n-Test -> Imlil
Tageskilometer: 102,32 km
Höhenprofil: 2100 -> 1000 -> 1800

Meine verträumte Stimmung beim Frühstück knapp über der Wolkendecke wird von den hartnäckigen Versuchen mir mein Handy abzuschwatzen ein wenig beeinträchtigt. “Nein, ich möchte es wirklich nicht gegen einen Teppich tauschen!” Auch sonst geht mir der ständige Versuch Geschäfte zu machen etwas auf die Nerven. Ich muss hier weg. Echt schade, ein unverbindliches Gespräch ist nicht möglich, alles dreht sich ums Geschäft. Der Ort und das Hotel gefallen mir sehr gut… Aufbruch.

Ich rolle, so langsam ich das auf der Abfahrt hinbekomme, abwärts bis Asni, um dort zu entscheiden nach Imlil abzubiegen. Bei einer Pause vertrödel ich zuviel Zeit und den Anstieg nach Imlil habe ich etwas falsch eingeschätzt. Während allmählich die Sonne untergeht krieche ich langsam auf Imlil zu.

Alleingelassen wird man in Marokko wirklich nicht. Erst hält ein Wagen und der Fahrer gibt mir ein Prospekt von seinem Hotel in Imlil. Dann hält ein alter Coupé, besetzt mit vier Personen. Sie bieten mir an mich mitzunehmen. Ehrlich gesagt frage ich mich wie sie mich, mein Rad und mein Gepäck einladen wollen, nach dem was ich hier schon gesehen habe gehe ich davon aus, dass sie das hinbekommen aber mir ist die Aktion doch zu umständlich, da fahre ich lieber weiter. Inzwischen ist es tiefschwarze Nacht.

Nur ca. 2 km vor Imlil hält wieder ein Wagen und Abderrahim hat einen Wagen in dem ich mich und mein Rad bequem einladen kann. Abderrahim hat auch eine Herberge, er ist mir auf Anhieb sympathisch und eine Nacht für 130 Dirham mit Frühstück und Abendessen klingt im Moment sehr verlockend. Die Herberge liegt nicht direkt in Imlil. Wir fahren noch ein Stückchen über einen unbefestigten Weg und gehen dann noch zu Fuß durch eine enge Gasse und einen Trampelpfad entlang. Auch wenn ich das sichere Gefühl habe, Abderrahim vertrauen zu können, ist die Situtation doch etwas unheimlich. Am Haus begrüßen uns zwei kleine Kinder und seine Frau. Ich habe eine ganze Etage für mich und bekomme ein Abendessen wovon auch 8 Personen satt werden könnten. So sehr ich mich anstrenge, das schaffe ich nicht.

Aoulouz -> Tizi-n-Test
Tageskilometer: 70,54 km
Höhenprofil: 700 -> 2050

Um 4:00 Uhr erwacht in Aoulouz das Leben. Um 4:00 Uhr höre ich die Sammeltaxifahrer zum ersten Mal ihre Fahrtziele ausrufen “TALIOUINE, TALIOUINE, TALIOUINE!!!” und andere Namen die ich nicht verstehe. Nach einer Weile sind die Taxis voll besetzt und es kehrt für kurze Zeit Ruhe ein, dann wiederholt sich das Spiel. Nach einem Frühstück im Hotel verlasse ich den Ort bei leichtem Nieselregen, der mit der Zeit stärker wird.

Die Fahrt auf den Tizi-n-Test verläuft überraschend gut. Es geht ohne Unterbrechung aufwärts, ich finde einen guten Rhythmus und erklimme den Berg sehr gleichmäßig.

Die Strecke auf den Tizi-n-Test ist beeindruckend, leider habe ich nicht gerade optimale Sicht und irgendwann stecke ich mitten in der Wolkendecke. Bei dichtem Nebel geht es über die schlechter werdende Straße vorbei an schroffen Felswänden. Die wenigen Autos, die mir begegnen fahren vorsichtig, aber das ist trotzdem eindeutig eine Situation für meine Warnweste, die ich sonst in Marokko noch nicht gebraucht habe.

Auf meinem Weg durch den Nebel komme ich an zwei Unterkünften vorbei. Die vor den Häusern sitzenden Männer bedrängen mich nervig und aggressiv dort zu übernachten.

Es ist ein herrliches Gefühl die Wolkendecke zu durchstoßen und wieder blauen Himmel und die gerade untergehende Sonne zu sehen. Es kommt etwas Wind auf und wird frostig kalt. Ein paar hundert Meter weiter liegt auch noch etwas Schnee auf der Straße. Im Hotel Bellvue überzeugt mich das gemütliche Kaminzimmer und ich gönne mir für 200 Dirham (alle Versuche zu handeln scheitern kläglich) ein Zimmer mit Abendessen und Frühstück. Es gibt keine warmen Duschen, aber ich bekomme einen Eimer mit heißem Wasser, das geht auch. Das Abendessen ist lecker und sehr reichhaltig. Der Angestellte, der hier arbeitet geht mir allerdings etwas auf die Nerven, weil er hatnäckig versucht mein Handy gegen einen Teppich zu tauschen bzw. mich zu einer geführten Wanderung zu motivieren.

Tarudant -> Aoulouz
Tageskilometer: 84,88 km
Höhenprofil: 200 -> 700

Mein Zimmertelefon ist doch tatsächlich vom namenhaften schwedischen Hersteller Ericsson und das Model kommt mir noch sehr bekannt vor.

Die Strecke heute ist ruhig, die Dörfer wirken moderner und aufgeräumter als Bergdörfer, durch die ich in den letzten Tagen gefahren bin. Mein Tag verläuft ruhig und entspannt, neben ein paar sehr netten Gesprächen mit verschiedenen Leuten beobachte ich fasziniert ein paar Ziegen beim Grasen. Die Ziegen klettern dazu in die Bäume. In einem Baum zähle ich sieben Ziegen, die teilweise in gut vier Meter Höhe grasen.

In Aoulouz gehe ich ins Hotel Oued Sous. Für 60 Dirham bekomme ich ein großes, recht sauberes Zimmer. Im Hotel gibt es keine Dusche und nur ein Stehklo, das allerdings von den Gästen gut sauber gehalten wird. Auf einer Art Dachterrasse ist ein Waschbecken, wo man sich ein wenig frisch machen kann. Alles sehr einfach, aber ordentlich und in freundlicher Atmosphäre.

->  Igherm -> Tarudant
Tageskilometer: 109,42 km
Höhenprofil: 1660 -> 1850 -> 200

Heute schlafe ich für diese Tour verhältnismäßig lange und sitze erst um 8:30 Uhr wieder auf dem Rad.

Es gibt Orte in denen man sich auf Anhieb wohl fühlt. Igherm ist so ein Ort für mich. So in etwa hatte ich mir die Orte in Marokko vorgestellt. Nicht ganz so quirlig wie Taliouine, Aoulouz oder Demnate, irgendwie freundlich und vor allem wirkt der Ort recht sauber und aufgeräumt. Die Leute sind freundlich und kein bisschen aufdringlich. Nach einer kurzen Kaffeepause mache ich mich entspannt und ausgeruht auf den Weg Richtung Tarudant.

Auf dem Stück sind einige kleine Orte und hier ist hier richtig viel Betrieb. Damit meine ich weniger den Autoverkehr, es sind jede Menge Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche auf der Straße. Das heißt schon mal in erster Linie, dass ich viel mit Winken und Abklatschen beschäftigt bin. Ein Pickup fährt an mir vorbei und von der Ladefläche jubeln mir ca. 25 Jugendliche zu. Der Pickup hält häufig an, um weitere Kinder zusteigen zu lassen. Immer wenn der Wagen anhält hole ich ihn wieder ein, nur um kurz danach wieder überholt zu werden. Nach einigen gegenseitigen Überholvorgängen, halten die Jugendlichen mir von der Ladefläche des stehenden Wagens aus ihre Hände entgegen und ich nehme das Angebot an. Ich rausche also mit über 30 km/h an dem Wagen vorbei und halte meine Hand zum Abklatschen hoch. Klatsch, Klatsch, Klatsch, Klatsch ……. ein cooles Gefühl….. Ein paar Jungs greifen zu und halten meine Hand fest…. Ein beängstigendes Gefühl. Ich verspüre einen kurzen Ruck, komme etwas ins Schlingern,  dann ist meine Hand wieder frei und ich bin an dem Wagen vorbei. Das hätte schief gehen können. Kurz danach überholt der Wagen mich wieder, mir wird begeistert zugewunken und mir fliegen Kusshände, aber auch ein paar Stöcke entgegen die mich zum Glück nicht treffen.

Kurz danach sehe ich vor mir eine Gruppe von Jugendlichen auf der Straße, die sich als sie mich bemerken mit ausgebreiteten Armen als Straßensperre aufstellen. Vorher hatte ich gelesen, man soll bremsbereit darauf zufahren und beschleunigen. Beschleunigen tue ich, aber bremsbereit bin ich so gar nicht mehr, während ich einem am Rand stehenden Jungen freundlich zuwinke und genau auf die Straßensperre zuhalte. “Hau ab oder es knallt gleich fürchterlich” denke ich mir und schaue gar nicht mehr richtig nach vorne. Im letzten Moment bildet sich eine Lücke für mich. Ich rufe den Jungs noch ein freundliches “Salam aleikum” zu. Sie winken und grüßen freundlich zurück und ich bin wieder verschwunden. Knapp zwei Kilometer weiter formiert sich die nächste, allerdings weniger bedrohliche Straßensperre vor mir und wird in ähnlicher Weise durchbrochen. Ich frage mich, was wohl passiert, wenn man einfach anhält und sich mit den Jungs unterhält. Vermutlich gar nichts, nur kommt man nicht so schnell wieder weg, oder? Im nächsten Ort spielen ein paar kleine Kinder mit Stöcken und als ich vorbeikomme muss ich mitspielen. Sie sehen mich kommen, postieren sich neben der Straße und als ich vorbeifahre versuchen sie vergeblich mir die Stöcke in die Speichen zu stecken. Irgendwie ist die Fahrt heute spannend.

Ich habe bevor ich hierher gefahren bin überall gelesen, dass die Kinder nur spielen wollen. Auch die, die dich mit Steinen bewerfen, wollen dich nicht verletzen. Heute merke ich deutlich was damit gemeint ist. Die Kinder waren alle freundlich, oder verspielt, etwas übermütig und energisch. Ich habe mich nicht bedroht gefühlt, was nicht heißen soll, dass ich keine Angst hatte, dass was passiert.

Ein Stück vor Tarudant, bei einer Pause am Straßenrand, hält ein Autofahrer neben mir an, drückt mir eine Tüte mit Mandarinen in Hand und fährt weiter….. “Danke!” … “Ausgerechnet Mandarinen!”. Eigentlich verteile ich in letzter Zeit fleißig Mandarinen unter den Marokkanern und nachdem ich in Igherm noch mal meinen Mandarinenvorrat aufgestockt habe, quillen mir die Mandarinen bald aus sämtlichen Taschen.

Es geht abwärts, 600, 500, 400, 300, 200 Meter. Unten angekommen geht es ganz flach weiter, die Straße verengt sich und ist jetzt nur noch halb so breit wie vorher, der Straßenzustand wird schlechter, der Fahrzeugverkehr nimmt stark zu und Wind kommt auf, natürlich von vorne. Ich möchte mir heute ein Hotel suchen. Auf der Strecke komme ich vorbei am Riad Freja. Das sieht mir zwar von außen viel zu teuer aus, aber es ist schon fast dunkel und ich möchte nicht unbedingt noch nach Tarudant reinfahren. Ich betrete das Riad und komme in einen Innenhof. Malerisch! Mandarinen hängen an den Bäumen und Vogelgezwitscher erklingt…. Das hier ist mit Sicherheit zu teuer für mich! Ich komme in einen zweiten Innenhof… Weniger Malerisch! Ein völlig versifftes stinkendes Schwimmbad…. Vielleicht doch nicht zu teuer?! Endlich treffe ich jemanden vom Personal, er meint allerdings sofort, dass sie voll belegt sind, ehrlich gesagt glaube ich ihm das irgendwie nicht.

Die Brücke über den Qued Sous wird gerade neu gemacht. Die Umgehung geht einfach durch das zur Zeit trockene aber sehr holprige Flussbett.

Ich komme nach Ait Azza und damit auf die N10, damit fängt das Chaos so richtig an. Radfahrer, Mofas, Autos, Taxis, Laster und am Straßenrand Menschen, einige Autowerkstätten. Inzwischen ist es dunkel. Ich überhole zwei Radfahrer, die sich langsam über 10 Minuten wieder zu mir rankämpfen. Einer überholt mich und ich hänge mich in seinen Windschatten. Wir fahren eine Weile ein Art belgischer Kreisel zu zweit. Mein Mitspieler hat riesigen Spaß. Er hat kaum noch Zähne im Mund und eine große und nur notdürftig versorgte Wunde an der Wange. In einem Kreisverkehr trennen sich unsere Wege.

Ich fahre vorbei an der gewaltig wirkenden Stadtmauer aus Stampflehm und durch das Tor “Bob Zorgane” in die Medina.

In den belebten, geschäftigen Gassen der Medina muss ich schieben. Viele, die mich sehen fangen an zu lachen, vermutlich bin ich mit meinem bepackten Rad hier etwas deplaziert, vermutlich wirke ich auch so als hätte ich mich verlaufen, zumindest fühle ich mich so. Auf jeden Fall ist ein Europäer mit Reiserad nachts in der Medina von Tarudant bestimmt kein alltäglicher Anblick. Ich gehe ins Hotel Tiout. Die Nacht kostet 235 Dirham und das Hotel wirkt sehr nobel und das Personal ist wie gewohnt freundlich und bemüht, aber das Zimmer ist überhaupt nicht sauber, Fußboden, Fensterrahmen und Tür sind beschädigt und das Abendessen, dass ich mir gönne ist recht teuer und eher mäßig.

Taliouine -> Igherm
Tageskilometer: 84,66 km
Höhenprofil: 1120 -> 920 -> 1300 -> 1100 -> 1660

Die Angestellten wohnen in einem kleinen Raum auf der Terasse, in dem im wesentlichen zwei Betten und ein kleiner Tisch stehen. Strom, Licht oder fließend Wasser gibt es  nicht. Einer der Angestellten hat sich einfach mit zwei Decken auf die Terrasse gelegt. Jetzt steht er etwas missmutig auf. Um 6:00 Uhr hat er noch nicht mit mir gerechnet und ich habe ihn wohl geweckt. Aber der Muezin ruft um 5:30 Uhr zum ersten mal zum Gebet und ich nehme das als Aufforderung zum Aufstehen. Wie auch in den letzten Tagen ist die kleine Bettelkatze mit dem gebrochenen Bein sofort zur Stelle, um mit mir zu frühstücken. Die Hunde, die hier in ungefähr 15-Hund starken Rudeln durch die Gegend streifen bleiben in einigem Abstand zum Hotel. Was auch ganz gut so ist, die kleine Katze konnte ich noch ganz gut durchfüttern, bei den Hunden wär es etwas schwieriger geworden.

Es ist herrlich wieder auf dem Rad zu sitzen und die Strecke ist ruhig, landschaftlich beeindruckend und erstmal recht flach. An einer Bushaltestelle stehen ca. 20 Berberfrauen, die aufgeregt anfangen zu winken und zu schnattern als ich vorbeifahre. Alles was ich heraushöre ist ein “Bonbon! Bonbon! Bonbon!” Ich kann es kaum glauben. Ich habe heute daran gedacht 2 kg Mandarinen einzupacken. Als Gastgeschenk falls ich wieder eingeladen werde, als kleines “endemisches” Geschenk für die Kinder (die von mir aus voller Überzeugung niemals Geld oder Kugelschreiber bekommen würden und auch tolle “europäische” Süßigkeiten halte ich nicht für geeignete Geschenke) oder überhaupt als kleine Aufmerksamkeit für Leute mit denen ich rede und natürlich nicht zuletzt als saftige, süße und gesunde Erfrischung für mich zwischendurch. Mit 20 Frauen habe ich nicht gerechnet und damit ist meine Ladekapazität auch eindeutig überfordert. Sie machen auch eigentlich nur Spaß und als ich ihnen erkläre, dass die Mandarinen nur für Kinder sind höre ich lautes, gemeinsam angestimmtes und langezogenes “Oohhhhhh…” gefolgt von weiterem Gelächter. Nach noch ein wenig amüsantem Tumult setze ich meine Fahrt fort.

Für vielleicht fünfundzwanzig Kilometer treffe ich keinen Menschen, was mir in Marokko bisher noch nie passiert ist, auch werde ich nicht überholt und mir kommen auch keine Autos entgegen. Dann sehe ich unerwartet einen alten Mann auf der Straße liegen. Buchstäblich mitten im Nirgendwo. Er hat sich die Schuhe ausgezogen und ein ganz frisch (noch blutig) abegezogenes Ziegenfell dient ihm als Kopfkissen. Ich kann nur vermuten, dass er auf jemanden wartet der ihn hier abholt. Es ist sehr heiß und er hat Durst. Ich gebe ihm etwas Wasser und ein paar Mandarinen. Er sieht wirklich sehr speziell aus, leider möchte er sich nicht fotografieren lassen.

Die Kinder im nächsten Ort sind nett. Sie schreien zwar wieder “STYLO!” als wäre das mein Name, eigentlich wollen sie aber nur abklatschen. Nach einem ungefähr zwei Minütigem Gespräch mit Omar,  lädt er mich ein bei ihm zu übernachten. Er spricht gutes Englisch, Zähne hat er so gut wie keine mehr, ein Anblick an den ich mich mittlerweile gewöhnt habe. Mir ist das noch zu früh und ich fahre weiter.

Das Kamel am Ortseingang des nächsten Ortes möchte ich ganz sicher nicht fotografieren, kaufen und auch nicht darauf reiten, egal wie hartnäckig ich dazu aufgefordert werde. Lieber verteile ich ein Stück weiter ein paar Mandarinen an einige Kinder bis eine Berberfrau meint “Safi!”-”Genug”. Kurz danach begegnen mir noch ein paar etwas unangenehme, lästige, aufdringliche Jugendliche und ausgleichend dazu einige sehr freundliche alte Männer.

Ein Stück weiter suche ich mir bei Einbruch der Dunkelheit einen ruhigen Biwakplatz.

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